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Der Trainingswahn

Autor: Peter Greif
Newsletterdatum: 03.12.2013

Wenn du glaubst, dass diese Art von Trainingsverrückten selten ist, dann irrst du dich. Ich erlebe das auch noch heute bei Menschen, die sich individuelle Trainingspläne bestellen und danach minutiös trainieren. Die sind zutiefst unbefriedigt, wenn sie zum Beispiel auf tief verschneiten Straßen das vorgeschriebene Tempo nicht erreichen können.

Sie können seelisch nicht abhaken, dass sie trotz geringerem Tempo ihr Trainingsziel erreicht haben. Die nächste Einheit wird ein umso härter trainiert, damit die Schande vom Vortag getilgt ist.

Nun will ich aber nicht nur über andere herziehen, sondern auch einmal über mich selbst aus dem Nähkästchen plaudern. 1983 weilte ich zu einem Badeurlaub zusammen mit meiner Frau in Thailand. Natürlich trainierte ich auch dort, das ging aber nur nach Einbruch der Dunkelheit, denn nur zu diesem Zeitpunkt war die feuchte Hitze einigermaßen zu ertragen.

Dennoch lief der Schweiß in Strömen. Wenn man etwas flotter lief, dann tröpfelte der Schweiß nicht mehr, sondern lief in einem dünnen Strahl von dem Zipfel der Hosenbeine auf die Beine und von dort in die Schuhe.

Bei einem Training auf einer beleuchteten Promenade lief von hinten ein junger Mann zu mir auf. Diese Promenade war dreigeteilt, links ein breiter Fußweg daneben Rabatten mit Büschen, Bäumen, Blumen und rechts am Fahrbahnrand noch einmal ein schmaler Fußweg auf dem wir liefen.

Der Läufer war ziemlich fit und konnte locker mit mir laufen. Erst unterhielten wir uns auf Englisch, aber als uns plötzlich jemand im Weg stand kommentierte er das mit dem Wort Sch… auf Deutsch. Wie sich herausstellte war er ein Schweizer, der ebenso wie wir Urlaub machte.

Und was wir dann trieben, war kein Urlaub. Der Typ fing an zu ziehen, er erhöhte das Tempo ständig. Eigentlich sollte es für mich ein langsamer Dauerlauf werden, nun aber hatte mein neugeborener Partner meinen Kampfgeist geweckt. Jetzt drehte ich unser Tempo nach oben und schon lagen zehn Meter zwischen uns. Der Junge war am Rande seiner Leistungsfähigkeit, ich ließ ihn wieder herankommen. Prompt erhöhte er sofort das Tempo wieder, da hatte er bei mir aber versch…!

Nun gab ich richtig Gas und lief im Abstand von 20 Meter vor ihm her. Damit ich ihn kontrollieren konnte, musste ich mich immer wieder umschauen. Und dabei gab es plötzlich aus heiterem Himmel einen mächtigen Rumms und als ich wieder zu mir kam, lag ich am Boden, über mich beugte sich der Schweizer und fragte, ob mir denn etwas weh tun würde. Ja, es tat etwas weh, ich hatte eine große Platzwunde an der Stirn aus der das Blut nur so lief.

Was war passiert? Durch das ständige Umschauen hatte ich einen 15 Zentimeter dicken Ast eines Baumes übersehen, der schräg in den Fußweg reinragte. Und dieses böse Stück Holz hatte mich einfach umgehauen. Die kleinen Thais konnten unter diesem Ast unbeschadet durchlaufen, aber für einen 1,95 m großen Europäer war er einfach zu niedrig. Mein Mitläufer kümmerte sich rührend um mich, aber ich kam schnell wieder auf die Beine, hatte keine Schmerzen und so liefen wir beide zurück in Richtung der Hotels.

Als meine Frau mir die Hoteltür öffnete, fiel sie fast in Ohnmacht, denn ich war von oben bis unten blutüberströmt. Diese Ansicht wurde noch verstärkt, weil meine Bekleidung natürlich vorher schon durchgeschwitzt war und das Blut sich dann schnell verteilen konnte.

Nun kommt die Verrücktheit! Meine Trainingseinheit war ja noch nicht zu Ende. Also Klamotten ausgezogen, geduscht, Pflaster auf die Stirn und raus auf die Straße und die noch fehlenden Kilometer nachgeholt. Seit diesem Tag wusste meine Ehehälfte, dass ich nicht nur ein klein bisschen verrückt war.

Natürlich war das ein Fehlverhalten von mir, denn eine leichte Gehirnerschütterung hatte ich mir ganz bestimmt zugezogen. Aber alles in allem fehlte mir am nächsten Tag nichts. Die Stirnwunde verheilte narbenlos.

Es wäre aber falsch von mir, an dieser Stelle zu verschweigen, dass ich mir dann in der nachfolgenden Woche eine Hepatitis und eine Salmonellenvergiftung zuzog. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die nichts mit dem Laufen zu tun hatte.

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