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Straßenfeile oder Zappelphilipp

Autor: Peter Greif
Newsletterdatum: 26.05.2015

Wir haben ihn natürlich auch etwas auf den Arm genommen und rieten ihm, ganz langsam zu laufen, damit er ja nicht umfällt. Er war sehr intellektuell, Franzose und auf einem Eliteinternat ausgebildet. Selbstvertrauen hatte man ihm dort leider nicht beigebracht.

Oliver lief schon zwei Jahre mit uns und versuchte sich auch immer wieder an den 400 m. Trotz vollem Einsatz gab es nur Krampf, Gehoppele, Keuchen und Schweiß. Mehr kam nicht. "Ich werde es niemals im Leben schaffen die Runde unter 96 sec zu laufen" (4 min-Tempo), so seine Aussage nach den jahrelangen wiederholten Versuchen, schnell zu laufen.

Nur der Trainer gab ihm immer wieder Hoffnung: "Mache weiter, du wirst schneller werden! Es ist zu schaffen" Ich glaube, er glaubte mir nichts, aber versuchte es dennoch immer wieder.

Oliver gab nicht wie andere auf. Immer und immer wieder versuchte er sich an den langen und kurzen Sprints. Sekunde um Sekunde fielen seinem Fleiß zum Opfer. Und im dritten Jahr knackte er die 72 sec über 400 m und im vierten Jahr die 3 h im Marathon. Nur mit Fleiß und Beharrlichkeit hat er es von der Pistenraupe zum richtigen Läufer geschafft.

Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest, dann setze auf den Fleiß. Auch wenn du meinst, niemals richtig schnell laufen zu können und dich die anderen immer höhnend abziehen, bleibe am Ball. Laufe 200- und 400-er und absolviere die oben beschriebenen Übungen.

Du wirst sehen: Jede Wiederholung macht dich schneller. Du kannst deine Muskeln umstellen. Dies geht nicht von heute auf morgen, dazu brauchst du Jahre. Bleib dran, glaube an dich, was andere geschafft haben, schaffst du auch.

Hierzu nur ein Ausschnitt aus einem Text von Lothar Pöhlitz, einem der erfolgreichsten deutschen Trainer und ehemaligen DLV-Bundestrainer:

Alle Laufexperten sind sich sicher einig, dass die ererbte Muskelstruktur, der Anteil der schnell oder langsam zuckenden FT- bzw. ST-Fasern für eine mögliche sportlich Perspektive auf den Mittel- oder Langstrecken bedeutend ist. Welchen Einfluss aber das genetische Schicksal des Einzelnen für einen Weg in die Weltspitze hat und welchen Anteil das sportliche Training und die ererbten mentalen Fähigkeiten haben, wird in der Sportwissenschaft immer wieder kontrovers diskutiert.

Eins der großen Probleme in der Chance des einzelnen Talents ist auf der Grundlage seines genetischen Schicksals die richtige Ausbildung zu erhalten. Wer will schon wissen wie viel Prozent Fasern des Typs I (slow-twitch) oder Typs IIa (fast-twitch) der Einzelne hat, wenn er nur schnell laufen kann.

Dabei sind die schnellen Fasern zu mehr Leistung und Geschwindigkeit fähig und für langandauernde Arbeit ziemlich uneffizient. Und „die super-fast-twitch-Fasern nutzen ausschließlich die anaerobe Energiebereitstellung“ sagt Jorge Zuniga (USA). Man stelle sich vor, solch ein Talent landet bei einem Langstrecken- oder noch schlimmer beim Marathon-Coach.

Quelle: Pöhlitz. Coaching Academy, 12.7.14

Dem guten Lothar nehme ich natürlich den letzten Satz übel ;-), denn meist werde ich von außen als Marathon-Trainer betrachtet. Es stimmt schon, aber ich habe wirklich sinngemäß auch den letzten Jogger von der Straße aufgesammelt und eine erhebliche Anzahl davon zu passablen Läufern gemacht.

Vielleicht liegt das auch daran, dass es deutlich mehr Menschen gibt, die Marathon oder Halbmarathon laufen mögen, als sich auf der Mittelstrecke zu tummeln? Ich denke das Verhältnis ist höher als 1000:1.

Aber zurück zum Thema: Wenn du dich "unten rum" verbesserst, dann wirst du auch schneller auf den längeren Distanzen. Das ist eine Binsenweisheit, wird aber von vielen nicht geglaubt. Versuche es einfach, bringe Geduld mit und arbeite. Verliere niemals den Mut und setze dir klare Ziele.

Als erstes versuchst du es mit den 400 m-Läufen im Tempo II. Dazu nutzt du wieder diesen Rechner! Du schlägst aber dem Resultat 3 sec zu. Diese Zeit versuchst du jetzt über 10 x 400 m mit 600 m Trabpause zu erreichen. Schaffst du das nicht, teilst du diese Zeit durch 4 und nimmst das Resultat mal drei.

An einem weiteren Trainingstag läufst du dann 10 x 300 m mit 500 m Trabpause in dem errechneten Tempo. Gelingt es dir immer noch nicht, das geforderte Tempo zu erreichen, dann gehst du noch einen Schritt zurück und läufst 10 x 200 m mit 400 m Trabpause. Dazu teilst du das errechnete 400 m-Tempo durch zwei. Und ich bin davon überzeugt, dass du zumindest an dieser Stelle die geforderte Geschwindigkeit erreichst.

So wie du die 200 m schneller laufen kannst als errechnet, gehst du über zu den 10 x 300 m, und wenn du diese auch geknackt hast, machst du dich an die 10 x 400 m. Hast du auch diese Hürde genommen, nimmst du die aufgeschlagenen 3 sec weg und rennst dann triumphierend Haile gleich um die Bahn. Dann hast du es geschafft und niemand wird jemals wieder zu dir "Traktor" und schon gar nicht „Pistenraupe“ sagen.

Diese Einheiten machst du in jeder Woche im Sommer einmal. Vorher und nachher 1 - 2 km ein- bzw. auslaufen. Es gibt dabei keine Ausreden. Weder Hitze, Regen, noch anstehende Arbeit, zu viel Alkohol oder sonst was. Es gilt als Ausrede auch nicht Omas Geburtstag und Mamas drohender Liebesentzug. Selbstverständlich lässt du auch im Urlaub nichts schleifen. So wirst du ein richtig guter Läufer oder eine Läuferin.

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