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Siege über dich selbst

Autor: Peter Greif
Newsletterdatum: 14.07.2015

Trainieren – essen - schlafen – trainieren – essen - schlafen – trainieren.......

Wir trainieren, essen zu Mittag, halten Mittagsschlaf, trainieren wieder am Nachmittag, essen zu Abend und gehen dann früh ins Bett. So sah drei Wochen lang unser Tagesablauf aus: Aufstehen, essen, laufen, essen, Mittagsschlaf, einen Snack essen, laufen, essen und wieder schlafen.

Äthiopien ist voll von versteckten Ausdauerlauftalenten, die darauf warten den Durchbruch zu schaffen. Diese steinige 16 Kilometer-Runde ist für alle Beweis und Prüfung, ob sie sich mit den besten der Welt schon messen können. „Sie sehen, wie ihre Landsmänner- und frauen, wie die Olympiasieger Tirunesh Dibaba und Kenenisa Bekele zu Superstars werden und wissen daher, dass man es schaffen kann“ erzählt Kassahun Yilma, eine ortsansässige Sportjournalistin.

Maryam sagt, dass sie damit aufgewachsen sei Gebrselassie dabei zuzuschauen, wie er seine Runden um ihr Dorf gelaufen ist und seine Erfolge sie inspiriert hätten. „Das Leben und das Aufwachsen in unserem kleinen Dorf war nicht leicht“, aber ich lernte, dass das Laufen ein Weg zu einem besseren Leben war.“ Heute haben sie und ihr Ehemann und Trainer Tareq Häuser in Äthiopien, der Schweiz und Bahrain. Zudem bauen sie gerade ein Luxushotel in Addis.

Für Tareq ist die Antwort warum Äthiopier das Laufen dominieren einfach:

Das, was Athleten aus Kenia und Äthiopien gemeinsam haben, ist ihr Wille zu gewinnen und ihre Bereitschaft, dafür unglaublich hart zu trainieren.

„Das Athleten-Leben ist für die Afrikaner das Wichtigste; es gibt für sie nichts anderes. Sie trainieren hart und schlafen den Rest des Tages, um sich zu erholen. Es gibt keinen zweiten Job oder Freizeit. Sie sind wirklich sehr diszipliniert und arbeiten sehr hart. Sie wissen dass Disziplin notwendig ist, um der Beste in der Welt zu sein, und dass ihre Konkurrenten da nicht anders denken.“

Aber als ich mit Defar sprach, stellte ich fest, dass sie eine erstaunlich normale Athletin ist. „Wie läuft dein Training? Magst Du unser Land?“ fragte sie mich. Als ich ihr erzählte, dass ich es liebe, aber die Höhe mir zu schaffen macht, versicherte sie mir, dass es für sie auch schwer ist. „Mach dir keine Sorgen, für mich war das Training heute Morgen sehr hart. So hart, dass mir mittendrin schlecht war, manchmal ist die Höhenlage sehr schwierig, aber es macht dich stärker.“

Das Einlaufen beginnt mit Gymnastik und endet im maximalen Tempo.

Ich kam nach Äthiopien, um zu lernen und von den Ratschlägen meiner liebenswürdigen, talentierten und sehr schnellen Gastgeber zu profitieren. Anfangs stand ich einigen Ratschlägen, die sie erteilten, skeptisch gegenüber, da sie sich so sehr von unseren kanadischen Trainings unterschieden. Das Erste, was mir auffiel, war das Warm-Up, das sehr von den osteuropäischen Drills, die die meisten kanadischen Athleten lernen, abwich. Wenn man irgendeinen äthiopischen Athleten beobachtet, wie er sich gerade aufwärmt, wird man wahrscheinlich immer die gleiche Drillreihenfolge sehen:

Zuerst leichtes Joggen mit gebeugtem Oberkörper, wobei man seine Arme schüttelt, als wären die Hände eingeschlafen. Danach eine Reihe von Armschwüngen. Zuletzt eine Reihe von „Rock Kicks“, so nenne ich sie, in verschiedenen Winkeln um den Körper, als wenn man Axl Rose bei einem Guns N’ Roses-Konzert wäre.

Sie geben einem die Möglichkeit, nach dem typisch äthiopischen Warm-Up-Lauf, noch einmal Luft zu holen. Denn man fängt im Fußgängertempo an zu joggen und man beschleunigt zunehmend bis man in seinem persönlichen maximalen Tempo läuft, das man für die letzten Minuten beibehält. Sie sagten mir, dass dieses ganze Warm-Up unglaublich wichtig sei, damit das erste Trainingsintervall beziehungsweise der Rennstart den Körper sozusagen nicht schockt. Ein weiterer Aspekt ihres Trainings, den ich für mein eigenes adaptiert habe, sind schnelle, wiederholte Bergläufe mit vielen Pausen zwischendurch (z.B. 6 x 15 Sekunden Berglauf mit 2 Minuten Pause dazwischen). Auf diese Art und Weise kann man Schnelligkeit und Dynamik das ganze Jahr hindurch bewahren, auch wenn man ansonsten viel Ausdauertraining macht.

„Du musst gut essen und dich nach dem Training viel ausruhen.“

Zuletzt betonten die äthiopischen Athleten, dass es bei Erholungsläufen wichtig sei, auf weichem Boden, z.B. im Wald und langsam genug zu laufen, damit der Körper sich wirklich erholen kann. Sie kümmern sich nicht so viel um ihr Tempo, sondern darum, dass sie genügend „guten Sauerstoff“ von den Bäumen bekommen und für ihren Körper auf „weichem Boden“ laufen. Zudem ist es ein Muss, im Training hintereinander zu laufen und zwischen den Bäumen hin und her zu wechseln, um den Körper darauf zu trainieren, Richtungen und Tempo zu wechseln, wie es im Rennen auch der Fall ist.

Ein weiterer, sehr wichtiger Aspekt der Erholung, wie es Tareq erläuterte, ist, dass man sehr viel schläft. Äthiopische Athleten schlafen immer, wenn sie nicht gerade laufen oder essen. Tirunesh Dibaba sagte, dass sie, wenn sie viel und hart trainiert, tagsüber bis zu zwei Stunden und nachts neun bis zehn Stunden schläft. „Du musst gut essen und dich nach dem Training viel ausruhen“, das ist ein Satz, den ich dort ständig gehört habe.

Die Einstellung, nicht die Höhe, bringt den Erfolg.

Wahrscheinlich ist die Mentalität der äthiopischen Läufer das Einzige, was man schwer übernehmen kann. Sie scheinen so etwas wie Gedächtnisschwund zu haben, wenn es um schlechte Trainingstage oder nicht erfolgreiche Rennen geht. Maryam sagte immer: „heute war mein Körper nicht gut drauf, aber morgen ist das vergessen“. Dieser Denkansatz ist besonders für ein Rennen von großem Nutzen.

Das Training in Äthiopien öffnete mir die Augen und war ein großes Läufer-Erlebnis, es veränderte mein Leben. Wie die meisten von uns, muss ich mir ein Beispiel an Chengere nehmen und mich weniger über die etablierte Hackordnung sorgen. Darüber hinaus werde ich Gebrselassies Ratschlag „mich selbst zu besiegen“ beherzigen, denn was zählt, ist die Einstellung und nicht die Höhenlage, wenn es um den Erfolg geht — das, plus viele harte Trainingseinheiten auf der berühmten 16-Kilometer-Runde.

*Quelle: Mai/Juni Ausgabe der Zeitschrift "Canadian Running“. Hilary Stellingwerff ist eine der besten 1500m-Läuferinnen Canadas (2:01,22 / 4:05, 08).

Ich hoffe, dich haben diese Zeilen nicht zu sehr erschreckt. Das ist Trainingsrealität und kein Talentzauber. Du erinnerst dich vielleicht, dass ich einmal die deutschen Langstrecken-Eliteläufer kritisiert habe, die es sich im höheren Trainingslager in Kenia haben gut gehen lassen.

Wenn du meine damaligen Zeilen liest und dann den oben stehenden Text, dann weißt du, warum unsere Läufer die kenianischen nur noch mit dem Fernglas sehen können. Diese deutsche Schwäche ist natürlich auch im Dilemma unseres jetzigen Systems zu sehen.

Nur eines sollte uns klar sein: Es liegt nicht am Talent, um zu siegen, es liegt an dem Sieg über sich selbst und dem Willen zur jahrelangen härtesten Trainingsarbeit. Und eines ist mir auch klar geworden: Das, was wir in unseren Trainingslagern machen, ist wirklich Trainingsurlaub.

Und wenn dort noch jemand vor Ort meckert, dann setzen wir ihn ins Flugzeug und schicken ihn nach Äthiopien. Erst wenn er zehnmal die 16 Kilometer-Runde in Zindafa gelaufen ist, darf er oder sie wieder zurück.

Die letzten Zeilen waren natürlich ein Spaß. Das muss ich immer ausdrücklich dazu schreiben, sonst bekomme ich morgen wieder böse Mails.

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